Ähnlich
wie uns geht es vielen Menschen, der Tollervirus ist
hoch ansteckend. Leider werden Toller oft für kleine
Golden Retriever gehalten, genauso sanft und pflegeleicht,
aber dafür von handlicher Größe. Wenn
man sich mit einem Toller näher auseinandersetzt,
stellt man schnell fest, dass es neben der Liebe zum
Wasser und zum Apportieren wenig Gemeinsamkeiten gibt.
Nach dem Lebensmotto der Toller „Das Spiel ist
unser Leben – unser Leben ist Spiel“ (Zitat
Peter Beythien), sollte man sich richten, wenn man sein
Leben mit einer dieser quirligen roten Pelznasen teilen
möchte.
Toller
sind sehr starke Hundepersönlichkeiten mit viel
Eigensinn und enormer Ausdauer. Als sehr aktive und
bewegungsfreudige Hunde müssen sie entsprechend
ausgelastet werden. Bei zu wenig Beschäftigung,
sucht er sich neue Aufgaben – das kann für
den nachlässigen oder überforderten Besitzer
sehr unangenehm werden! Das Gebell des Tollers wird
zu Recht mit Blechdosengeschepper u.ä. verglichen,
das Gebiss ist sehr kräftig, die Pfoten geschickt;
eine ideale Ausstattung, um sich Spaß selber
zu organisieren… Eine kleine Runde um den Block
dreimal täglich ohne Anforderungen an den Hund
entspricht nicht den Erwartungen eines Tollers (wie
denen der wenigsten Hunde).
Die
ursprüngliche Verwendung der Rasse ist wie bei
allen sechs Retrieverrassen die Jagd. Als eine von
nur zwei Hunderassen weltweit locken diese Hunde Enten
an, um sie nach erfolgtem Schuss mit weichem Maul zu
apportieren (die holländischen Kooikerhondje sind
ebenfalls für diese Art der Jagd gezüchtet
und zählen vielleicht zu den Ahnen der Toller).
Diese Art der Jagd wird „Tolling“ genannt:
der Hund läuft dabei im seichten Wasser auf und
ab und trägt die buschige Rute über dem Rücken.
Die von Natur aus neugierigen Enten lassen sich von
dem seltsamen Verhalten des Hundes und dem auf und
ab wippenden Schweif anlocken, bis sie entweder in
Schussreichweite sind oder in einem Decoy (einem sich
verengenden Netzsystem) gefangen sind.
Über
den Ursprung der Duck Tolling Retriever und ihre besonderen
Jagdart gibt es viele unterschiedliche Angaben. Vermutlich
kann man sich die Geschichte des Tollers so vorstellen:
Indianer beobachteten Füchse, die im Schilf auf-
und abliefen und mit ihren ruckartigen Bewegungen und
dem buschigen Schweifen die von Natur aus neugierigen
Enten anlockten. Das erfolgreiche Jagdverhalten der
Füchse gab vielleicht den Anreiz, Hunde mit ähnlichen
Eigenschaften zu züchten. Auch die folgende Version
wäre plausibel: Verarmte Schotten, die nach Kanada
auswanderten, brachten die Urform des Tollers mit und
nutzten die natürliche Verspieltheit der Hunde
und ihren Gehorsam für diese ungewöhnliche
Jagdmethode.
Im
19. Jahrhundert wurde mit der planvollen Zucht der
kleinen Retriever begonnen: Cocker Spaniels, Irish
Setter und vielleicht auch Collies wurden zu dieser
Zeit eingekreuzt. Manchmal findet man auch noch die
alten Bezeichnungen für den Toller: „Little
River Duck Dog“ oder „Yarmouth Toller“.
Erst 1945 wurde die Rasse in Kanada anerkannt, 1981
folgte die FCI-Registrierung (Fédéracion
Cynologique Internationale).
Der
Rassestandard spricht von einem mittelgroßen,
kraftvollen Hund. Rüden erreichen ein Stockmaß bis
51 cm und wiegen bis 23 kg, Hündinnen bis 48 cm
und 20 kg. Das Haarkleid muss bei einem Hund, der viel
aus dem Wasser apportiert, besonders dicht und wasserabweisend
sein. Charakteristischerweise sieht das Fell hinter
den Ohren und zwischen den Zehen wie gekreppt aus,
vor allem wenn der Hund nass ist. Die Farbe des Tollers
variiert von Orange über Rot bis Dunkelrot, meist
haben die Hunde weiße Abzeichen am Kopf (Blesse),
Brust, Pfoten und/oder Schwanzspitze. Der Schwanz wird
bei Aufregung über dem Rücken getragen (wichtig
für das Tolling).
In Österreich
gibt es derzeit nur eine aktive Züchterin, in
Deutschland und vor allem in der Schweiz ist der Toller
seit ca. 15 Jahren vertreten. Häufig ist die Hunderasse
in Skandinavien, England und in Nordamerika zu finden.
In den USA gibt es einen Verein, der „Second
hand Toller“ an geeignete Besitzer vermittelt.
Leider gibt es aber auch in europäischen Tierheimen
immer mehr Toller – offensichtlich werden die
Hunde aufgrund ihrer eher geringen Größe
und Verspieltheit immer noch gerne als „Minigolden“ betrachtet.
Die Lebhaftigkeit und der Elan der Hunde überraschen
oft auch erfahrene Hundebesitzer. Der Charme des Tollers
macht den Verzicht auf den Grundgehorsam leicht, die
Sturheit des Hundes gibt einmal erworbene Rechte aber
nicht gerne auf!
Toller
sind wie geschaffen für die unterschiedlichsten
Arten des Hundesports. Die gelehrigen Hunde mit einem
starken „will to please“ findet man bei
Obidience-Bewerben, der Fährtenarbeit, Dummyarbeit,
bei Agility, Flyball oder als Rettungshunde. Wie alle
Retriever sollte man Toller nicht zur Schutzarbeit
verwenden. Verbissener Ehrgeiz sorgt für Druck
und Überforderung bei Tollern. Die Hunde sind
sehr sensibel und brauchen einen einfühlsamen
Hundeführer, der den Sport mit Freude betreibt,
aber nicht etwaige berufliche oder persönliche
Defizite mit dem „Sportgerät“ Hund
ausgleichen möchte.
Dummyarbeit
zählt für viele Toller-Besitzer zur wichtigsten
Ausbildung für ihren Hund. Sie fordert den Hund
rassetypisch, ist zwar die Vorbereitung auf die Jagd,
bleibt aber für viele Hundeführer und Hunde
(geliebter) Selbstzweck. Auch Dummyarbeit kann bei
Prüfungen gezeigt werden. Das Dummy (eine Art
Beißwurst in verschiedenen Ausführungen)
wird geworfen, der Hund dann zum Apport geschickt.
Einspringen, d.h. loslaufen, bevor das Dummy liegt,
ist nicht erlaubt. Auch das aufgeregte Fiepen des Hundes
soll unterbleiben – bei der Jagd wären beide
Eigenschaften sehr störend. Natürlich ist
das nur die Grundübung der Dummyarbeit: die höheren „Weihen“ hat
ein Hund erreicht, der in einer Reihe mit anderen Hunden
(Strike) gelassen wartet, bis er ein Kommando bekommt
und dann ein Dummy apportiert, z.B. aus dem Wasser.
Gerade Toller neigen dazu, am Wasser heftig zu reagieren
und vor lauter Erwartung zu fiepen, endlich ins Wasser
zu dürfen… Eine gute Einführung in
die Dummyarbeit zeigt die unten angeführte Kosmos-Retrieverschule,
natürlich bieten auch die Retrieverclubs Kurse
und Lehrgänge an.
Toller sind liebenswürdige Mitbewohner, ihr Einfallsreichtum
und ihr Charme lassen keinen Tag zum Alltag werden – mit allen
Vorteilen und Nachteilen, die diese Eigenschaften mit sich bringen.
Die
Rasse ist von der FCI unter der Nummer 312, Gruppe
8/1 registriert. Die lange Rassebezeichnung lautet übersetzt:
Neuschottischer – Nova Scotia - Enten anlockender – Duck
Tolling – Apportierhund – Retriever.
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